Mehr Zeit für jedes Kind!
Wiener Kindergärten brauchen qualitativ nachhaltigen Fachkraft-Kind-Schlüssel

Wien, 2.12.2020. Die Träger*inneninitiative Elementare Bildung Wien von Diakonie Bildung, Kindern in Wien, Kinderfreunde und der St. Nikolausstiftung begrüßt die Ankündigungen der neuen Stadtregierung für den Elementarbildungsbereich.
Die Regierung verspricht eine „Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch Erhöhung der Erwachsenen-Kind-Relation in den Gruppen zu den Hauptbetriebszeiten.“ (Quelle: Koalitionspapier SPÖ/ NEOS 2020). Konkret geht es dabei um die Verdoppelung der Assistent*innen-Stunden in Kindergarten-Gruppen. Diese sehen wir als einen Schritt in die richtige Richtung. Gleichzeitig weisen wir aber darauf hin, dass allein die Erhöhung der Stunden keine mittel- oder langfristige Lösung für eine Qualitätssteigerung in den Krippen und Kindergärten darstellt.

Zentral für eine nachhaltige Bildungsqualität wäre viel mehr die sogenannte Fachkraft-Kind-Relation: Also mehr pädagogisch qualifiziertes Personal für eine bestimmte Anzahl an Kindern. Eine Verdoppelung oder zumindest Erhöhung der Fachkräfte-Stunden findet sich aber nicht im Koalitionspapier.

Wiens Kindergärten zeichnen sich durch eine hohe Serviceorientierung für berufstätige Eltern mit langen Öffnungszeiten aus, daher braucht es die angesprochene Verbesserung des Fachkraft-Kind-Schlüssels auch zu den Beginn- und Endzeiten. Denn nicht nur die Dauer, sondern vor allem die Qualität des Kindergartens beeinflusst das spätere Leben unserer Kinder!

Was sind die Garanten für hohe Qualität in der Elementarbildung?
In der größten Langzeitstudie Europas, der britischen EPPSE-Studie, wurden die wichtigsten Voraussetzungen für hohe Qualität im Kindergarten definiert:

  • Hohe Qualifikation des Teams
  • Erfahrung des Personals
  • Guter Fachkraft-Kind-Schlüssel

Laut der über 17 Jahre laufenden Studie hatte der Besuch des Kindergartens nur dann einen Einfluss auf pro-soziales Verhalten der begleiteten Jugendlichen, wenn der von ihnen besuchte Kindergarten hohe Qualität aufgewiesen hatte. Hohe Bildungsqualität im Kindergarten wirkte sich auch langfristig positiv auf die mathematischen und sprachlichen Kompetenzen von Kindern, deren Eltern niedrige Bildungsabschlüsse vorwiesen, aus.

Die Träger*inneninitiative Elementare Bildung Wien empfiehlt daher dringend einen qualitativ nachhaltigeren Schlüssel für Fachkräfte, Kinder und Gruppengröße!

Entscheidend für die Qualität der Bildungseinrichtung sind vor allem die Gruppengröße und der entsprechende Fachkraft-Kind-Schlüssel. Nur so können qualitativ hochwertige Interaktionen gestaltet und Kinder beim Aufbau sicherer Beziehungen sowie in ihrer Selbstbestimmung, Kreativität und individuellen Kompetenzentwicklung unterstützt werden, wie etwa die mehrsprachliche Kompetenz mit Deutsch als Bildungssprache.

Nach wie vor gibt es keine bundesweit einheitliche Regelung für den Fachkraft-Kind-Schlüssel, die immer wieder dringend von uns und anderen Expert*innen gefordert wird! Denn alle Kinder in Österreich verdienen die beste Elementarbildung. Wien könnte hier Pionierarbeit leisten und als Vorbild für andere Bundesländer wirken.  

Was braucht es, um die Qualität mittel- und langfristig zu steigern?

  • Für junge Kinder bis zum 3. Lebensjahr wird ein Fachkraft-Kind-Schlüssel von 1:3 bis maximal 1:6 empfohlen. Die Gruppengröße sollte maximal 12 – 14 Kinder betragen.
  • Für 3- bis 6-Jährige soll der Schlüssel je nach Altersverteilung maximal 1:10 betragen. Optimal wären in dieser Altersspanne 7 Kinder pro Fachkraft und eine Gruppengröße von 15 Kindern.
  • Der den Empfehlungen entsprechende Fachkraft-Kind-Schlüssel für altersübergreifende Gruppen von 1- bis 6-Jährigen ist mit 1:7 anzusetzen. Die Gruppen sollten max. 15 Kinder – davon höchstens fünf Kinder unter drei Jahren umfassen.
  • Kinder mit nicht-deutschen Erstsprachen und Kinder mit besonderen Bedürfnissen müssen den Gruppenschlüssel anteilsmäßig reduzieren.
  • Auch in den Randzeiten ist auf die Einhaltung des empfohlenen Schlüssels zu achten.
  • Für Situationen wie z. B. Krankheitsfälle oder Fortbildungszeiten muss zusätzliches Personal eingeplant werden, um den Schlüssel aufrechterhalten zu können.

(Quellen: Deutsche Liga für das Kind, 2008; NAEYC, 2000; Viernickel & Schwarz, 2009)

Die Träger*inneninitiative Elementare Bildung Wien fordert daher ein langfristiges Umdenken  der verantwortlichen Politik und damit ein „Mehr an Investitionen“  in die Qualität der Elementarbildungseinrichtungen.

Rückfragehinweise:

Diakonie Bildung
Karin Brandstötter, 0664 827 34 83
karin.brandstoetter@diakonie.at, www.bildung.diakonie.at

Kinderfreunde Wien
Michaela Müller-Wenzel, 0664 542 31 58
michaela.mueller-wenzel@wien.kinderfreunde.at, www.wien.kinderfreunde.at

Kinder in Wien (KIWI)
Susanne Borth, 0664 886 89 008
s.borth@kinderinwien.at, www.kinderinwien.at

St. Nikolausstiftung
Gabriele Zwick, 0664 610 1398
g.zwick@nikolausstiftung.at, www.nikolausstiftung.at

2 Kommentare
  1. Eva Schirk
    Eva Schirk sagte:

    Gebildete Fachkräfte im guten Personslschlüssel und bis zu 18 Kindern in der allegem. Kindergartengruppe, sowie gute Rahmenbedingungen, dazu gehören gut isolierte, große Räumlichkeiten gut eingerichtete Bewegungsräume und große Gartenflächen nicht Pseudoterassen die im Sommer heiß sind und genügend große Bäume als Schatten und Luftspender sollten Grundvoraussetzung sein. Vor allem sollte die maximale Anwesenheit von Kindern je nach Alter, ein verträgliches Maß haben. Ein Tag besteht nicht nur aus Kindergarten Besuch. Kinder haben auch ein Recht auf ihre Eltern und auf das Leben in der Familie. Meine persönliche Erfahrung jetzt in der Koronakrise ist, dass den meisten Kindern gewisse “Auszeiten” nicht schaden, im Gegenteil, sondern dass sie mit mehr Freude und Konzentration Angebote wieder annehmen. Ich sehe Kindergarten als sehr wichtige Bildungseinrichtung die natürlich auch gewisse Arbeitszeiten der Eltern abdeckt, aber keine falls als Ersatz dienen soll.

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  2. Paula
    Paula sagte:

    Schön wäre es wenn in der Kindergartengruppe überhaupt mal eine/ein Assistentin/ Assistent wäre. Mit 20 Kindern im Alter von 3-6 immer alleine zu sein ist einfach untragbar und leider kann dadurch kaum Bildungsarbeit stattfinden.

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