09.04.2020


Der Spagat zwischen zuverlässiger Kinderbetreuung, Schutz vor Ansteckung und finanzieller Bedrängnis

Gemeinsames Pressestatement von Diakonie, Kinderfreunde Wien und St. Nikolausstiftung


Die Wiener Trägerorganisationen für Kindergärten und Horte, Diakonie, Kinderfreunde Wien und St. Nikolausstiftung, danken allen ihren MitarbeiterInnen und der Stadt Wien für die Unterstützung. Gleichzeitig fordern sie von der Bundesregierung die Kindergärten und Horte als wichtige Systemerhalter anzuerkennen.

Seit rund vier Wochen ist in den Kindergärten und Horten der Wiener Trägerorganisationen Diakonie, Kinderfreunde Wien und St. Nikolausstiftung im regulären Kindergarten- und Hortalltag nichts mehr wie zuvor. An manchen Standorten ist kein Kind anwesend, in anderen eines und bei manchen mehr als zehn. Viele Kinder werden von den Eltern zu Hause betreut, aber zumindest für systemrelevante Berufsgruppen müssen die Institutionen Kindergarten und Horte geöffnet sein, wodurch die MitarbeiterInnen der Trägerorganisationen selbst zur systemrelevanten Berufsgruppe werden.

Ganz klar ist das aber nicht, denn die Anweisungen und Richtlinien lassen viel Auslegungsspielraum, was bei den Trägerorganisationen und Eltern zu Unsicherheiten führt. Die Empfehlungen pendeln zwischen "nur mit Bestätigung des Dienstgebers" und "wenn Eltern daheim überfordert sind, das Kind zumindest tageweise betreuen".

Keine Schutzmöglichkeiten für MitarbeiterInnen
Landesweit werden Spielplätze mit der Begründung geschlossen, spielende Kinder könnten sich dort infizieren. Im Kindergarten umgekehrt ist das Infektionsrisiko jedoch weiterhin gegeben. Die Trägerorganisationen appellieren, dass sich dieses Themas angenommen werden muss. Insbesondere weil das seit Wochen gepredigte Mantra von den ein bis zwei Meter Abstand untereinander – im Kindergarten unmöglich umsetzbar ist. "Selbst wenn unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort Masken tragen, können sie sich selbst damit nicht schützen", so Elmar Walter, Geschäftsführer der St. Nikolausstiftung.

"Es ist derzeit eine große Herausforderung, trotz der Umstände und Einschränkungen aufgrund der Corona-Krise den Kindern, die derzeit vor Ort betreut werden, Sicherheit, Vertrauen und Stabilität zu bieten und die Eltern bestmöglich zu unterstützen. Dazu wünschen wir uns aber auch Handlungssicherheit", erklärt Christian Morawek, Geschäftsführer der Wiener Kinderfreunde.

Ständig wechselnder Betreuungsbedarf – ein beträchtlicher Mehraufwand
"Dass es problematisch ist, weniger Kinder als sonst zu betreuen, klingt für Außenstehende vielleicht paradox. Diese Problematik fordert von den Verantwortlichen der Trägerorganisationen aber einen beträchtlichen zusätzlichen Aufwand", ergänzt Tim Lainer, Geschäftsführer der Diakonie Bildung.

Morawek dazu: "Jeder Tag ist anders. Die Kinderzahl variiert täglich, dementsprechend flexibel müssen wir bei den Dienstplänen sein. Nach jeder neuen Regierungsanweisung kontaktieren wir Tausende Familien telefonisch oder per Mail und erfragen den Betreuungsbedarf für die nächste Periode. Natürlich nehmen wir auch auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit chronischen Erkrankungen Rücksicht, und auch unsere Kolleginnen und Kollegen haben Kinder, die betreut werden müssen."

Die gegenwärtige Gefahr der Verbreitung des COVID19-Virus ist ein weiterer Faktor, gibt es einen Verdachts- oder Infektionsfall muss der Standort sofort geschlossen und die Eltern und KollegInnen müssen informiert werden. Wegen der vielen Sonderregelungen sind die Teams natürlich reduziert, dennoch muss genügend Personal in Bereitschaft sein, damit jederzeit die Betreuung gewährleistet werden kann.

Die Stadt Wien hat dankenswerter Weise die Förderkosten für alle Kinder, deren Eltern per Ende Februar einen Vertrag mit den Kindergartenträgern haben, weiter bezahlt und die Kosten für das Essen übernommen, das ja nicht rechtzeitig abgemeldet werden konnte.

Finanzieller Spagat – zusätzliche Kosten ein Fall für den Härtefallfonds
Nichtsdestotrotz werden nicht alle Kosten der privaten Trägerorganisationen ersetzt und dies bringt private BetreiberInnen in Bedrängnis. Damit die gewohnte Qualität jetzt und auch in Zukunft – wenn wieder der Regelalltag im Kindergarten und Hort beginnt – gewährleistet werden kann, sind diese trägerspezifischen Elternbeiträge notwendig. Werden sie nicht eingehoben, können die privaten Träger die Strukturen und Angebote in der Form nicht erhalten, was im Sinne der Kinder und Eltern unbedingt zu vermeiden ist. Es geht jetzt darum, nachhaltige Verschlechterungen in Struktur und Angebot der privaten Träger, die fast die Hälfte aller Kindergärten in Wien stellen, zu vermeiden, ohne das auf den Schultern der Eltern auszutragen. In diesem Sinne appellieren die drei großen privaten Kindergarten- und Hortträger, dass jene Kosten, die den Förderbeitrag der Stadt übersteigen, vom Härtefallfonds der Regierung getragen werden.

Großartiger Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Einrichtungen
Walter: "Und trotzdem haben, wenngleich für wenige Kinder, österreichweit tausende Pädagoginnen und Pädagogen, Betreuerinnen und Betreuer – und wie immer sie nach den föderalen Landesgesetzen auch genannt werden – ihren Beitrag zur Bewältigung der Krise geleistet und den Betrieb Kindergarten aufrechterhalten und tun das unvermindert. Jene, die nicht im Dienst vor Ort sind, halten bestmöglich Kontakt zu den Kindern und Eltern. Bieten Tipps für die Bewältigung des Alltags und liefern mannigfache Unterstützungen. Oft verbunden mit der Sorge der eigenen Ansteckung und auch, dass Kinder sich untereinander anstecken und diese Viren in die bisher gesunde Familie bringen. Montag bis Freitag. Wochenlang."

Für diesen riesigen Solidaritätsbeitrag, ihre Flexibilität, Bereitschaft und ihren Einsatz danken alle drei Geschäftsführer ALLEN Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Kindergärten und Horten sehr herzlich.

Appell an die Bundesregierung – eine Vorgangsweise für alle Länder
Aus Sicht der Trägerorganisationen braucht es seitens des Bundes:

  • Eine bundesweit einheitliche Vorgehensweise zur finanziellen Absicherung sämtlicher Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen in Österreich mit klaren Empfehlungen von Seiten des Bundes an die Länder. Einrichtungen privater bzw. gemeinnütziger und öffentlicher Träger sollten im Sinne der Bestandssicherung in jedem Fall gleich behandelt werden.
  • Die Möglichkeit zur Kompensation von entfallenen Elternbeiträgen durch Mittel aus dem Härtefallfonds.

Die elementaren Bildungseinrichtungen sind eine wichtige Säule in der österreichischen Bildungslandschaft. In der jetzigen Ausnahmesituation leisten die MitarbeiterInnen darüberhinaus einen wichtigen Beitrag in der Krisenbewältigung. "Auf eine wertschätzende Erwähnung und Anerkennung dieser Leistungen auch von der Bundesregierung freuen sich unsere MitarbeiterInnen sehr!", so die Geschäftsführer der Träger.